Die Schwalenburg

Geheimnisvoll liegt sie seit Jahrhunderten auf dem südlichen Bergsporn des Hegeberges bei Schwalefeld. Eine Wallburg mit drei mächtigen Wällen aus dem Mittelalter. Stammt sie aus der Zeit der Kriege Karls des Großen?

Zugang: Von der Bundesstraße 251 Korbach-Brilon im Ort Willingen die Straße in Richtung Schwalefeld-Diemelsee nach Norden. An der Abzweigung zum Ort Schwalefeld bis zur Höhe am Ortseingang; gegenüber dem Friedhof und der neuen Kirche auf der Wasserscheide biegt der Weg im spitzen Winkel nach Norden ab. Man folgt dann gleich der nach links abbiegenden geteerten Straße an der Talstation eines kleinen Skiliftes vorbei zu einem einzeln stehenden Haus.
Von dort führt der Weg wiederum nach links in einer Serpentine an dem unteren äußeren Wall der Schwalenburg entlang bis zu dem Sattel zwischen Hegeberg und Schwalenburg zum Waldrand.
Von der Schutzhütte aus nach Süden am Waldrand entlang durch einen modernen Wegdurchbruch des Außenwalles bis vor das Tor des mittleren Beringes (Übersichtskarte). Topographische Karte 1:25 000 Bl. 4617 Brilon; 1:50 000 Bl. L 4716 Brilon (auf beiden Karten Eintrag „Schwalenburg"). Deutsche Generalkarte 1:200000 Bl. 11.

 
L i t e r a t u r:
W. Freese, Eine fast in Vergessenheit geratene Wallburg. Hessenland -Monatsschr. f. Landes- u. Volkskde., Kunst u. Lit. 41, 1930, 321 ff. - Chr. Paul, Was ist von der Schwalenburg bekannt? Mein Waldeck (Heimatkdl. Beil. z. Waldeckschen Lan­deszeitung) 10, 1933, 56. - O. Uenze, Schwalenburg. In: G. W. Sante (Hrsg.), Hessen. Hdb. hist. Stätten Deutschlands 4 3(1976) 410. - U. Dahmlos, Archäologische Funde des 4.-9. Jahrhunderts in Hessen. Untersuch, u. Mal. Verfassungs- u. Landesgesch. 7 (1979) 205. - R. Gensen, Althessens Frühzeit - Frühgeschichtliche Fundstätten und Funde in Nordhessen. Führer hess. Vor- u. Frühgesch. 1 (1979) 61 Abb. 34 (Plan); 62; 98.









Titelbild: Die Schwalenburg von Südosten, im Vordergrund der Ortsteil Willingen-Schwalefeld. Die baumbestandene Linie auf der Ostseite des Berges markiert den Verlauf des äußeren Beringes. Rechts der Sattel zum Hegeberg


 
Von Willingen aus durchfließt der tief eingeschnittene Itterbach das reich gegliederte Bergland des nordöstlichen Uplandes nach Norden. Bei Schwalefeld nähert sich das Tal des Aarbaches dem Ittertal bis auf 400 m. Beide Bachläufe umfließen dann ein nord-süd-gerichtetes Bergmassiv und vereinen sich nach 2,5 km an dessen Nordspitze. Die höchste Erhebung dieses Tonschiefermassivs bildet der 654,5 m hohe Hegeberg. Seine ovale Kuppe wird auf der Südwestseite von einem schwachen Wall von durchschnittlich 0,70 m Höhe umzogen, der etwa 15m südwestlich eines TP beginnt, zunächst nach Westen führt, dann nach Norden umbiegt und am hier steileren Hang ausläuft. Auch östlich des über die Höhe führenden Weges ist die Fortsetzung dieses Walles im dichteren Fichtenbestand noch in Resten zu erkennen. Die Anlage muß als Rest einer vorgeschichtlichen Befestigung vermutlich der vorrömischen Eisen­zeit angesehen werden.

Nach Süden ist der Hegeberg durch einen schmalen Sattel mit der 630,2 m hohen Schwalenburg verbunden, deren Hang nach Westen und Südwesten steil zum 120 m tiefer gelegenen Itterbach abfällt, während der Osthang zum Aarbach hin flacher geneigt ist.

Die Befestigung der Schwalenburg besteht aus drei Wallringen, umschließt eine Fläche von 6 ha Größe und gehört zu den eindruckvollsten frühgeschicht­lichen Befestigungen Mitteleuropas. Der älteste Teil der Anlage ist zweifellos der mittlere Bering, der eine Fläche von 2 ha Größe einschließt. Er hat eine annähernd ovale Form und erscheint heute als mächtiger Wall mit vorgelagertem Graben. Im Wall verbirgt sich eine leicht nach innen geneigte Trokkenmauerfront, die aus ortsfremdem relativ großblockigem Tonschiefer besteht. In einem Testschnitt im Nordwesten zeigte sich, daß die Mauerfront zumindest an dieser Stelle zweiperiodig und im Zuge der Errichtung des inneren und äußeren Geringes wieder hergerichtet worden ist, indem man auf die Reste der älteren Mauer eine Front aus dünnplattigerem Tonschiefermaterial aufsetzte. Die Westseite des mittleren Wallringes ist im Zuge der Errichtung des inneren und des daran anschließenden äußeren Beringes aufgegeben worden. Dort kennzeichnen nur noch die Reste des Grabens den Verlauf der älteren Befestigung, während der Wall fast ganz abgetragen ist.

Die topographische Lage der Schwalenburg und des Walles auf dem Hegeberg mit Zufahrtsweg. M. 1:25 000.

Im Nordosten des mittleren Beringes liegt eine mächtige Toranlage, bei der die Wallenden mit den vorgelagerten Gräben ein beträchtliches Stück nach innen umbiegen und hinter den nach innen geführten Grabenenden nochmals einknicken bis zur eigentlichen heute etwa 3 m breiten Toreinfahrt. Ein weiteres Tor, das bei älteren Ausgrabungen zu Beginn unseres Jahrhunderts teilweise freigelegt worden ist, befindet sich im Süden des Beringes. Hier biegen die Wallenden ein kurzes Stück nach innen ein und lassen eine schmale 5 m lange und 2,60 m breite Torgasse frei, deren Mauern aus dem stark verwitterten dünnplattigen Tonschiefer bestehen, der vom inneren und äußeren Mauerring und von der späteren Verstärkung des mittleren Beringes bekannt ist. Daraus ist zu schließen, daß es sich um ein nachträglich eingefügtes Tor handelt, das auf das an der Südspitze des äußeren Wallringes gelegene Tor Bezug nimmt. Im übrigen ist der Graben des mittleren Beringes auf der Ostseite durch einen jüngeren

Schaubild einer möglichen Rekonstruktion der Toranlage im Nordosten des mittleren Beringes. Die Außenmauem biegen schart zurück und bilden zwischen den ebenfalls zurückbiegenden Grabenenden eine schmale Zufahrt zum eigentlichen Tor, über dem ein Turm anzunehmen ist (Skizze Dieter Wolf).
 
Weg teilweise eingeebnet, im Ansatz jedoch überall zu erkennen. Der innere fast kreisrunde Wallring hat einen Durchmesser von 75-90 m und umschließt eine Fläche von 0,55 ha Größe. Er besitzt im Norden eine Toranlage mit weit nach innen einbiegenden Wallenden, bei der die bei den genannten Ausgrabungen freigelegten Mauern einer 2,40 m breiten Tor­gasse noch in Resten erkennbar sind. Nur auf der Nordostseite hat er einen schwach ausgeprägten Graben. In dem inneren Bering ist an einigen Stellen außen und an vielen Stellen innen die stark verwitterte Front einer über 2 m dicken Mauer aus dünnplattigem Tonschiefer sichtbar. Vom Wall aus führen zum Innern etwa 20 kurze Wallenden, die, soweit sie bei früheren Ausgrabungen freigelegt worden sind, alle an die innere Ringmauerfront anbindende Mauerstücke enthalten. Dadurch hat man den Eindruck von an die Ringmauer angebauten kasemattenartigen unterschiedlich großen Räumen, deren Abschluß zum Burginnern jedoch unklar bleibt.



Plan der Schwalenburg. Sichtbare Mauerstücke sind durch schwarze Balken gekenn­zeichnet. Vermessung Landesamt für Denkmalpflege Hessen und Wilhelm Schleicher. M. 1:3000
Annähernd auf der höchsten Stelle im Westen befindet sich eine in jüngerer Zeit veränderte Grube, von der nicht sicher gesagt werden kann, ob sie zur ursprünglichen Anlage gehört. Eine weitere tiefe steilwandige Grube von oben 8 m Durchmesser liegt mehr hangabwärts im Südosten. Es kann sich dabei um eine Zisterne, einen Brunnen oder den Keller eines Turmes handeln. Von der Südwestseite des inneren Beringes aus zieht der mächtige äußere Wall nach Süden, überquert den mittleren Wallring und führt im weiten Bogen hangabwärts nach Südosten bis zur Südspitze des äußeren Beringes. Dort läßt ein leicht nach innen einbiegendes Wallende die Ostseite eines Tores erkennen, dessen Gegenseite durch den heutigen Zufahrtsweg gestört ist. Von dort aus führt der äußere Wall im weiten Bogen nach Norden. Der überall vorgelagerte Graben ist teilweise durch die moderne Wegführung eingeebnet. Unterhalb des in den verfüllten Graben gebauten Jagdhauses entspringt eine ganzjährig wasserführende Quelle, die ursprünglich sicher auch schon innerhalb des Walles angegraben werden konnte.

Dem Haupttor des mittleren Beringes gegenüber befindet sich im Nordosten des äußeren Beringes ein weiteres Tor mit einbiegenden Enden, von dessen 2,80 m breiter Torgasse noch einige Steine sichtbar sind. Dann führt der hier besonders mächtige Wall mit dem tiefen vorgelagerten Graben nach Westen und sperrt den fast ebenerdigen Zugang vom Sattel zwischen Hegeberg und Burgring ab, biegt am Steilhang im Westen wieder im Bogen nach Süden und bindet zunächst an den Wall des mittleren Beringes an, wobei der Wall über dessen Graben hinwegführt. Ein kurzes Stück wird der Wall des
 
ursprünglich mittleren Beringes als äußere Verteidigungslinie im Nordwesten genutzt, dann dessen Verlauf verlassen, um hangaufwärts zu führen und im Nordwesten an den inneren Bering anzuschließen. Der moderne Weg von Norden her durchschneidet den Außenwall. Im Durch­bruch ist im Westprofil und einem kurzen anschließend freigelegten Mauer­stück das ehemalige Aussehen der Befestigung gut zu erkennen. Die gut 2 m breite holzversteifte Mauer mit einer innen angeschütteten Rampe war danach etwa 5 m hoch. Sie besteht aus dem gleichen dünnplattigen Schiefermaterial wie die Mauerfronten des inneren Beringes.

 
Im Landregister von 1537 wird „die Borgh zu Schwalefeld" als mit Holz bewachsen erstmals erwähnt, und im 17. Jahrhundert werden dreifache Wälle mit Gräben genannt. Da die Grafen von Waldeck sich ursprünglich nach ihrer allerdings im Lipperland gelegenen Burg von Schwalenberg nannten, wurde damals die Schwalenburg wegen der Ähnlichkeit des Namens als Waldecksche Stammburg angesehen. Weitere Beschreibungen liegen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts vor.

In der Schwalenburg haben zu Anfang dieses Jahrhunderts einige Ausgrabun­gen stattgefunden, über deren Ergebnisse außer den heute im verfallenen Zu­stand sichtbaren Mauerfronten nichts bekannt ist; Unterlagen wie auch das geborgene Fundmaterial sind verschollen. Auch bei zahlreichen Geländebegehungen in den letzten Jahren hat sich nirgends ein Fundstück bergen lassen.
Der innere Bering auf der Westseite mit nach innen führenden kurzen Wallstücken, den verstürzten Mauern von Räumen oder Gebäuden, die an die Ringmauer angebaut waren.
 

Die Spuren von Kalkmörtel in der Toranlage des inneren Beringes und auch am nachträglich eingebauten Tor des mittleren zeigen jedoch, daß die Anlage in das frühe Mittelalter, also wohl in die Zeit zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert gehören muß. Die in der Landschaft verbreitete Sage, bei der Schwalenburg handele es sich um die Burganlage des römerfreundlichen Cheruskerfürsten Segestes, der hier seine mit dem Sieger der Varus-Schlacht, Armin vermählte Tochter Thusnelda gefangen gehalten habe, entbehrt jeder Grundlage. Trotz des Fehlens von Fundmaterial ist sicher, daß die Schwalenburg zu jenen Großburgen des frühen Mittelalters gehört, die in Verbindung mit einem offensichtlich auch das Gebirge erfassenden Landesausbau zu sehen sind, für den ebenso die Ortsnamen mit den Grundwörtern -lar, -ingen und -inghausen Zeugnis ablegen.

Befund und Rekonstruktion am Walldurchbruch im Norden des äußeren Beringes.


In der Schnittzeichnung wird der Aufbau der Befestigung deutlich: Die äußere Mauerfront ist bis 1,50 m hoch erhalten. Hinter ihr liegt bis zum inneren Wallfuß horizontal gelagertes gleiches Steinmaterial, vermischt mit Erdreich, nach oben begrenzt durch eine leicht humose Oberflächenschicht. Dort, gut 2 m hinter der Außenfront, ist in wenigen Steinlagen eine Innenfront zu erkennen. Das vor- und hinterliegende Versturzmaterial der Mauer zeigt, daß sie - wie rekonstruiert - eine Höhe von etwa 5 m gehabt haben muß.

 
Im Photo, Blick von Nordnordosten, die Mauerfront aus dünnplattigem Tonschiefer mit zwei Hohlräumen, die vielleicht von horizontal im Wallkörper verlegten Balken stammen; rechts neben dem westlichen Hohlraum eine Fuge in der Mauer, neben der sie nach außen gedrückt ist. Die Fuge rührt von einer senkrechten Holzversteifung der Mauer her, die sicherlich auch der Anbringung einer Brustwehr gedient hat.
Rolf Gensen
 
Herausgegeben von der Abteilung für Vor- und Frühgeschichte im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 1980. Übersichtskarte Ausschnitt aus der TK 25 Bl. 4617 Brilon. Mit Genehmigung des Landesvermessungsamtes Nordrhein-Westfalen vom 3. 6. 1980 Kontrollnummer D 6813 vervielfältigt. Gedruckt mit Unterstützung der Gemeinde Willingen (Upland) und der Waldeckischen Domanialverwaltung, Arolsen.

Die archäologische Denkmalpflege ist auf Ihre Mitarbeit angewiesen. Wir bitten uns alle Beobachtungen, die zur Erforschung der Vor- und Frühgeschichte unserer Heimat beitragen können, mitzuteilen. Fundmeldungen werden erbeten an die Abteilung für Vor- und Frühgeschichte im Landesamt für Denkmalpflege Hessen in: 6200 Wiesbaden. Schloß Biebrich. Telefon (06121) 65071-65074 6100 Darmstadt, Schloß/Glockenbau, Telefon (061 51) 125645 3550 Marburg/Lahn, Ketzerbach 11, Telefon (0 64 21) 6 36 50.